Das Heizwerk:

Text der Informationstafel:

Das ehemalige SS-Bad und Heizhaus ist zwischen 1939 und 1940 entstanden und steht annähernd parallel zur Kasernenmauer in der Flucht der Häftlingsmauer. Der Keller diente zur Einlagerung von Kohlen. Die beiden verputzten Schornsteine in der Mitte des Gebäudes, zu denen eine Treppe hinauf führt, lassen deutlich das monumentale Formprinzip der NS-Architektur im Kleinen erkennen, wie sie auch bei Monumentalbauten Speers anzutreffen sind. Die Terrasse erscheint als Bühne vor der Schornsteinwand als heroischer Kulisse.

 

Die Lage des Heizwerks auf dem Gelände. Zu beachten ist, daß die Rückseite des Gebäudes die Flucht der Mauer aus dem Schutzhaftlager fortsetzt.

 

Das Heizwerk im Zustand von 1999

Bei diesem Gebäude wurde Hitlers Faible für (Opern-)Bühnen umgesetzt. Als Vorbild diente die Speersche Monumentalarchitektur. Auch diese Treppe führt nicht in diejenigen Räume, die der Aufgabe des Gebäudes entsprechen. Die Tür in der Mitte führt in den Kohlenkeller.
Die beiden Schornsteine erfüllen noch eine wichtige Funktion. Unmitttelbar neben dem Heizwerk befanden sich an den Rändern des Truppenbereiches damals flache Funktionsbaracken. Die bebaute Fläche war damals ein riesiger Exerzierplatz. Für den Betrachter wird dieser Raum optisch in der Ecke durch die Schornsteine geschlossen, die quasi als Eckpfeiler den Raum begrenzen.

Der Exerzierplatz verweist auf einen weiteren wesentlichen Inhalt der Ausbildung in der SS: militärischen Drill. SS-Rekruten mußten beispielsweise eine Patrone mit dem Mund aufheben, wenn sie sie beim Üben haben fallen gelassen. Ein SS-Mann weigerte sich, dies zu tun. Die Reaktion des Vorgesetzten wird folgendermaßen beschrieben: "Wie ein Raubtier auf seine Beute losspringt, so kommt er auf mich zu, führt sein Gesicht ganz nahe an mich heran, so daß zwischen seiner Nase und meiner Nase keine zwei Millimeter sind, und brüllt in dieser Stellung, was er kann. [...] Nachdem er ausgebrüllt hat, übergibt er mich dem stellvertretenden Gruppenführer. Der macht mit mir dann zehn Minuten lang 'Theatervorstellung'. [...] Nach einer solchen Vorstellung kann man sein Hemd auswringen. Dann übergibt mich dieser wieder dem Unterführer selbst. Das erste ist, daß er befiehlt: ‚Schmeißen Sie die Patrone weg !‘"(34)

Dies hatte zur Folge, daß der SS-Mann erneut die Patrone mit dem Mund aufheben sollte. Dieser weigerte sich erneut. Folgende Reaktion wird dann beschrieben: "Er [der SS-Mann] wird rot, brüllt Unverständliches, übergibt die Gruppe dem Unterführer und übernimmt mich selbst. Er beginnt mit 50 Kniebeugen bei vorgehaltenem Gewehr. Dabei muß ich laut zählen. Nun, ich habe schon daheim viel Sport getrieben, und ich bin hier an alles gewöhnt. Aber nach 10 Minuten ‚Theatervorstellung‘, bei der ich schon fast knieweich war, noch 50 Kniebeugen mit vorgehaltenem Gewehr machen, das ist schon ein starkes Stück ! Ich sage nicht, daß man das physisch nicht durchhalten kann. Es ist nur die Frage, ob man nicht schon vorher moralisch fertig wird. Und so kommt es auch. Bei 20 Kniebeugen höre ich auf zu zählen. [...] Ich kann nicht sagen, daß ich etwas dabei denke, ich weiß nur, daß ich am Ende bin. [...] Ich muß weinen, obwohl das nicht mannhaft und nicht soldatisch ist. Ich kann auf seine Fragen nicht antworten, dieser Weinkrampf schüttelt mich derart, daß ich auch nicht mehr reden kann. Ich habe auch keine Wut und spüre keinen Schmerz. Ich bin einfach am Ende. Wie er das sieht, brüllt er: ‚Sie Schlappschwanz, Sie Muttersöhnchen ! Sie Heulblase ! Einen heulenden SS-Mann gab's noch nie ! Da drehen sich die Gefallenen in ihren Gräbern um !‘ Dann befiehlt er noch: ‚Werfen Sie die Patrone weg !‘ Ich tue dies und ohne überhaupt darauf zu warten oder nur hinzusehen, ob er mit dem Daumen hinunterzeigt, hebe ich sie mit dem Munde auf."(35)

Der SS-Oberscharführer Otto Kaiser in Sachsenhausen beschrieb weitere Beispiele dieses Drills, z. B. daß Handgranaten über die übliche Zeit hinaus nach ihrer Entsicherung in der Hand gehalten werden sollten, daß Handgranaten direkt über dem aufgesetzten Stahlhelm zur Detonation gebracht wurden oder daß man beim Strafexerzieren mit aufgesetzter Gasmaske singen mußte.(36)

Diese Gewalterfahrungen wurden eins zu eins auf den Häftling übertragen. Allerdings darf dies nicht auf eine "Ventilfunktion" beschränkt werden, um seine Frustrationen abzulassen.(37) Berücksichtigt werden muß der Zeitgeist: Gewalt als Erziehungsmaßnahme war gesellschaftlicher Konsens. Die jungen Rekruten haben sich selbst (um)erzogen gefühlt (in der verherrlichenden Literatur taucht häufig der Begriff "gestählt" auf). In der Erwartung, dies gelänge auch mit politischen Gegnern, wurde eine ähnliche (sg. "Sport" treiben) und gesteigerte Gewalt gegenüber Häftlingen eingesetzt. Rudolf Höß äußerte sich in seinen Aufzeichnungen dahingehend, daß Arbeit die beste Therapie gegen Homosexualität sei.(38)

Neben solchen Erziehungsmaßnahmen, die in militärischen Organisationen üblich sind, wurde auch immer mit Hinauswurf gedroht. Dies war insofern eine ernsthafte Drohung, weil man sich Elite verstand und somit offensichtlich war, für die SS ungeeignet zu sein, eben nicht zu einer Elite zu gehören. Drastisch wirkte sich aus, daß man bei Eintritt in die SS mit dem bürgerlichen Leben (Beruf) gebrochen hatte, eine Rückkehr in den alten Beruf schwer war. Erschwert wurde dies durch Eickes Anordnung, daß man sich nicht hinter den Rücken der SS bewerben durfte. So war im Befehlsblatt vom Februar 1937 geschrieben: "Degradiert und ausgeschlossen wird, wer als Angehöriger der SS-TV [SS-Totenkofverbände, der Verf.] fahnenflüchtig wird, ein Wachvergehen oder eine ehrenrührige Handlung sich zu schulden kommen läßt; ferner, wer hinter den Rücken seiner Vorgesetzten sich um eine andere Stelle bewirbt und damit seinen Treueid bricht; weiter, wer mit Gefangenen in irgend einer Weise Verbindungen anknüpft, diese entweichen läßt oder sonstwie begünstigt; wer einen Kameraden bestiehlt, wer sich betrinkt oder das Ansehen der Schutzstaffel schädigt, wer leichtfertig Schulden macht. Schutzhaft kann außerdem verhängt werden."(39)

In der Praxis wurde vor allem auf die Außenwirkung der sg. "Elite" wert gelegt. Man konnte sich beispielsweise innerhalb der Organisation betrinken (für den Mord an sowjetischen Kriegsgefangenen im Rahmen des sg. "Kommissarbefehls" wurde, um das Morden zu erleichtern, in Sachsenhausen zusätzlich Alkohol den Mördern zugeteilt).

Hervorzuheben ist die Tatsache, daß Schutzhaft verhängt werden konnte. Das bedeutete, daß die SS-Mitglieder zeitweise als Häftling ins Konzentrationslager gebracht wurden. Himmler präzisierte dies in seiner Anweisung zur Einrichtung eines Erziehungssturmes in Sachsenhausen.(40) Dabei wurde zwischen der Abteilung I (Erziehungssturm) und II (Besserungsabteilung) unterschieden, wobei Abteilung I die gemäßigtere war.
Häftlinge dieser Abteilungen wurden zwar kaum mißhandelt, ihre Lebensbedingungen (Unterbringung, Arbeitskommandos usw. ) waren ungleich besser, doch konnte man das als SS-Mitglied vorher nicht unbedingt wissen, zumal Angst wahrscheinlich eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Der polnische Häftling Leon Szalet schrieb, daß die sg. "Elite-Häftlinge" im KZ Sachsenhausen zur Essensverteilung eingesetzt worden sind.(41) Zwar war diese Arbeit kaum körperlich anstrengend, diskriminierend aber dürfte diese Tätigkeit für die Mitglieder dieses Erziehungssturms sein, weil sie Häftlinge bedienen mußten.
Zwischen den SS-Männern und den Häftlingen sollte jeder Kontakt vermieden werden. Auf diese Weise wird Distanz zwischen den Bewachern und Häftlingen erzeugt. Während der Ausbildung mußten SS-Rekruten u. a. folgendes auswendig lernen:

"Frage: In welchem dienstlichem Verhältnis steht der Posten zum Häftling ?

Antwort: Der Posten ist Vorgesetzter des Häftlings.

Frage: Was hat diese Feststellung im einzelnen zu bedeuten ?

Antwort: Daß die Häftlinge den Posten mit Achtung zu begegnen haben.

Frage: Was ist über die dienstliche Meldung hinaus streng verboten ?

Antwort: Jede Unterhaltung außerdienstlicher Art.

Frage: Wozu darf es zwischen einem Posten und einem Häftling auf keinem Fall kommen ?
Antwort: Zu irgendwelchen Vertraulichkeiten oder Verbrüderungen.

Frage: Was beweist einem Posten, der trotzdem eine derartig nähere Verbindung mit Häftlingen eintritt ?

Antwort: Er beweist, daß er nicht würdig ist, ein SS-Mann zu sein, daß er sich selbst zu einem Staatsfeind erniedrigt und in ein K. L. gehört."(42)

Dementsprechend wurden SS-Angehörige tatsächlich in ein KZ gebracht, wenn sie sich mit Häftlingen einließen. Ein Beispiel hierfür findet sich in den Ermittlungsergebnissen der Sachsenhausen-Prozesse. Der Kommandant des Lagers Buchenwald verhängte 1940 folgende Strafe: "Ich bestrafe Sie...... mit sechs Tagen verschärften Arrest, weil Sie nach Ihrem eigenem Geständnis mit Häftlingen Ihres Blocks Schach gespielt haben. Begründung: Durch dieses Verhalten haben Sie gegen die Grundgesetze der Schutzstaffel verstoßen und sich mit Häftlingen auf eine Stufe gestellt. Wenn Sie Ihre Schwäche nicht bald ablegen und die Häftlinge nicht, wie das sein muss, hart anfassen können und dazu Ihnen die Härte gegen sich selbst fehlt, stelle ich Ihnen anheim, sich nach einem Zivilberuf umzusehen."(43) Berücksichtigt werden muß, daß es zwei ernst zu nehmende Gründe gab, nicht aus der SS auszutreten: Häufig trat man als junger Mensch der SS ein, somit hatte man keinen Beruf erlernt. Selbst wenn man einen Beruf erlernt hat, hatte man, solange man SS-Mitglied war, nichts mit seinem Beruf zu tun. Nach längerer Abwesenheit wieder in seinem bürgerlichen Beruf Fuß zu fassen, war damals nicht viel einfacher als heute. Viele wollten mit ihren Eintritt in die SS ohnehin vermeiden, zur Front eingezogen zu werden. Letzteres wog ebenfalls schwer.

Solche Strafen trafen allerdings eher Außenseiter und Eigenbrötler, als Repressionsmaßnahme aber war der Wirkungskreis größer.

Einführung

"Turm A"

Lageran-fahrtsstraße

Kaserne

Kantine

Bunker

Heizwerk

Hundert-
schaftsgebäude

Villa Eicke

Eingang zum Polizei-
präsidium

Polizeigelände

Führerhäuser

IKL

Resumée

Literatur

Anmerkungen

(34) Beschrieben in: Buchheim, Hans: Befehl und Gehorsam, in: ders./Broszat, Martin/Jacobsen, Hans-Adolf/Krausnick, Helmut: Anatomie des SS-Staates, München 61994, S. 254f.

(35) Ebd.

(36) Beschrieben in der Anklageschrift gegen Otto Kaiser des LG Köln vom 16. Juli 1963, AZ 24 Js 809/59 (Z), S. 120ff, AS LAG XXXVII,1.

(37) So z. B. Karin Orth: "Einem exzessiven militärischem Drill ausgesetzt wurde ihre [Konzentrationslager-SS, T. B.] Unterordnungebereitschaft und ihr Leidensdruck so stark forciert, daß sie geradezu darauf brannten, dies in noch vielfach stärkerer Form an die Häftlinge weiterzugeben, sie zu erniedrigen und zu foltern." Orth, Karin: Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000, S. 151.

(38) Höß, Rudolf: a. a. O.

(39) Befehlsblatt Februar 1937, S. 1f.

(40) Erziehungssturm im Konzentrationslager Sachsenhausen AS R 49/1 (Abschrift der ZStA, Film-Nr. 3335, Aufnahme-Nr. 0504).

(41) Szalet, Leon: Experiment "E". A Report from an Extermination Laboratory, New York o. J., S. 28.

(42) "Unterricht über Aufgaben und Pflichten der Wachposten", BA NS 3/426, zitiert nach Segev, Tom: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten, Reinbek b. Hamburg 1992, S. 48f.

(43) Zitiert nach: Anklageschrift gegen Otto Kaiser, a. a. O., S. 71.

 

 

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