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Gedenkorten

Zitatnachweise

(1) Simon Wiesenthal, zitiert nach Berenbaum, Michael: After Tragedy and Triumph, Cambridge/New York/Port Chester/Melbourne/Sydney 1990, S. 10.

(2) Bauer, Yehuda, zitiert nach ebd., S. 10.

(3) Wiesel, Elie, zitiert nach ebd., S. 11.

(4) Kren, George M./Rappoport, Leon: The Holocaust and the Crisis of Human Behavior, 2nd rev. edition, New York/London 1994, S. 13.

(5) Lea Rosh in einem Telefongespräch, zitiert nach: Sabath, Wolfgang: Siegt in Berlin die deutsche Hausfrau? Streit um das Holocaust-Mahnmal, in: Heimrod, Ute, Schlusche, Günter, Seferens, Horst (Hrsg.): Der Denkmalstreit - das Denkmal? Die Debatte um das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Eine Dokumentation, S. 89-90, hier S. 90, Berlin 1990.

(6) Schulz, Bernhard: Kein Konsens im Land der Menschenketten. Zur Vorgeschichte einer "zentralen Gedenstätte der Bundesrepublik Deutschland", in: Stölzl, Christoph (Hrsg.): Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 172-182, hier S. 181.

 

Im Tiergarten gibt es vier Denkmäler, die von der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" betreut werden:

Wie kam es dazu?

Die Journalistin und Publizistin Lea Rosh recherchierte in Israel für ein eine Dokumentation über den Holocaust. Von der dortigen Gedenkstätte Jad Vashem war sie so beeindruckt, dass sie im Land der Täter ebenfalls ein Mahnmal einforderte, da ein solches bis dato nicht existierte.

Dank Ihrer Prominenz preschte sie vor und trat in der Öffentlichkeit ein für ein Mahnmal, das an den Mord an den Juden erinnern soll. Es wurden bereits fast vollendete Tatsachen geschaffen: Spendengelder wurden eingeholt, ein erster Vorschlag für ein solches Mahnmal war vorhanden, es gab prominente Unterstützer. Leider begann erst dann eine breitere Diskussion über die verschiedenen Opfergruppen und über den Begriff "Holocaust" resp. "Shoah". Angestoßen wurde diese Diskussion von Vertretern anderer Opfergruppen, insbesondere auch vom Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland.

Lea Rosh rechtfertigte ihren Ansatz damit, dass der Mord an den europäischen Juden ein Kernelement der nationalsozialistischen Ideologie darstellte. Hierfür nahm sie Rekurs auf Margherita von Brentano, die sich folgendermaßen äußerte: " Sie (die Nazis) machten die Juden zum exemplarischen Opfer schlechthin, zum Opfer der "Endlösung". Der Antisemitismus war nicht nur ein Element des Nationalsozialismus, sondern sein Zentrum. in und an den Juden sah er das Ganze der Schäden, des Übels, der Entstellung menschlichen Wesens und der menschlichen Gesellschaft, die sein Bild bestimmten." Die Einzigartigkeit wurde außerdem festgemacht an der jahrhundertelangen antisemitischen Verfolgung und an der Anzahl der Ermordeten. (vgl. Ein Denkmal für die Juden Europas, hrsg. Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas, Berlin o. J. (1990)

Eine absehbare und vor allem nachvollziehbare Reaktion von Vertretern anderer Opfergruppen war, dass man nun ebenfalls ein Denkmal für sich beanspruchte bzw. man gemeinsam ein zentrales Mahnmal errichten könnte.

Kurz zuvor gab es seit Anfang der 90er eine weitere Diskussion über eine Gedenkstätte, die verschiedene Opfergruppen nivellierte: die Neue Wache. Sie wurde auserkoren als zentrale Gedenkstätte, gewidmet den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft. Hier wird also Opfergruppen gedacht, die über den nationalsozialistischen Kontext hinausgehen. Hinzu kommt, dass gerade Juden hier nur schwer ihrer Opfer gedenken können wegen der christlichen Symbolik im Innern der Gedenkstätte.

An dieser Widmung entzündete sich eine Diskussion, die dazu führte, dass man die verschiedenen Opfergruppen auf einer Bronzetafel, die an der Außenseite der Gedenkstätte neben dem Eingang befestigt wurde, aufzählte.

Ein gemeinsames Gedenken an die Opfer des Holocaust wurde durch diese Gedenkstätte deutlich erschwert, da damals in Deutschland die Opfergruppen zu sehr verallgemeinert wurden. So wurden Opfer des nationalsozialistisches Terrors mit durchaus auch (Mit-)Tätern (Soldaten, Zivilisten durch Bombardierungen usw.) gleichgesetzt.

Dies führte letztendlich dazu, dass ein partikularistisches Gedenken an die Opfer des NS-Terrors sich durchsetzte. Generell gibt es zwei Definitionen des Begriffs "Holocaust" bezüglich der Opfergruppen. eine Universalistische und eben eine Partikularistische. Die Diskussion fand überwiegend in den Vereinigten Staaten statt, Auslöser war die Planung des United States Holocaust Memorial Museums in Washington D. C.

Simon Wiesenthal definierte ihn universalistisch wie folgt: "The Holocaust is the destruction of six million Jews and five million non-Jews by the Nazis and their collaborators during World War II."(1) Auch Kren/Rappoport definieren ihn ebenfalls universalistisch: "Between 1941 and 1945, the Nazi government of Germany systematically killed millions of men, women, and children because they were Jews, Gypsies, or Slavs defined by racist ideology as threatening to Germanic ideals. This event has come to be called 'the Holocaust'."(2)

Yehuda Bauer definierte Holocaust dagegen partikularistisch: "He [Bauer, der Verf.] argued that the Holocaust was the systematic, state-sponsored extermination of 6 million Jews as an intenional act of state undertaken in pursuit of what the Nazis considered a redemptive goal."(3) Elie Wiesel, Vorsitzender des Councils, suchte sprachlich nach einem Mittelweg: "While not all the victims were Jews, all Jews were victims."(4)

In Deutschland überwiegt die partikularistische Interpretation. Dies wird z. B. an der Ausstellung "Mahnmale des Holocaust" deutlich. Diese Ausstellung wurde von New Yorker Leo-Baeck-Institute übernommen, weswegen im einleitenden Ausstellungstext die universale Interpretation erläutert wird. In der deutschen "Übersetzung" jedoch wird der Holocaust als ausschließlich Juden betreffendes Ereignis beschrieben.

Dies hat m. E. seine Ursache darin, daß in Deutschland "Universalismus" viel eher "Relativismus" oder sogar "Revisionismus" bedeuten kann. Deutlich wird dies an einem Kommentar Michael Wolffsohns, der nicht nur Hochschullehrer, sondern vor allem enger Vertrauter und Berater des Bundeskanzlers Helmut Kohls war, zum Museum in Washington: "It was a mistake for the museum not to include other cases of genocide." Genozid heißt hier eben nicht nur der Mord an Juden, Sinti und Roma usw. im NS, sondern auch der Mord an armenischen Christen, der Mord an den Indianern usw. Dies dient natürlich der Relativierung der deutschen Vergangenheit. Bei einer solchen Sichtweise ist man vor allem in Deutschland bestrebt, beispielsweise auch alliierte Bombardements auf Dresden, Hamburg, Berlin usw. einzubeziehen. Die politische Kultur erlaubt(e) hier lediglich die partikularistische Interpretation des Holocaust.

Lea Rosh artikulierte die Besorgnis selbst: "Zum Schluß kommt das raus, was wir nach Bitburg bei dem Denkmal in Bonn hatten - zum Schluß sitzen die NS-Soldaten mit dabei, da kann man ja lange darüber reden, ob junge, zu SS gezogene Soldaten nicht auch Opfer dieses Nationalsozialismus waren. Das ist aber nicht unsere Vorstellung."(5) 1985 gedachte in Bitburg der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan auf einem Kriegsgräberfriedhof gefallenen Soldaten. Allerdings sind auf diesem Friedhof auch Angehörige der Waffen-SS begraben.

So fanden sich zwei Strömungen zusammen, die ein getrenntes Gedenken an verschiedenen Mahnmalen zur Folge hatten: Die Öffentlichkeit aufgrund der Prominenz Lea Roshs sowie die politische Kultur. "Die pluralistische Lösung eines 'Gedenkparks' in der jede Opfergruppe ihr eigenes Andenken pflegt, beleuchtet den geistigen Zustand der ausgehenden Bundesrepublik einschließlich ihres Vorpostens West-Berlin."(6)